Der kleine Horrorladen (28.07.2012 Amstetten)

Eine Inszenierung von Werner Sobotka mit Ramesh „Inder“ Nair in der männlichen Hauptrolle verheißt schon einmal Gutes. Da mir dieses „Grusical“ schon damals im Gloria Theater gut gefiel, hat mich eine Fahrt nach Amstetten sehr gereizt. Vor ein paar Jahren hatte ich beim Amstettner Musicalsommer Aida gesehen, aber an die Veranstaltungshalle konnte ich mich so gar nicht erinnern. Diese und auch die Bühne sind überraschend groß. Das Interieur von Mushniks Blumenladen beansprucht den meisten Platz. Links stellen ein paar Mülltonnen vor einer verschmutzen Backsteinmauer den Außenbereich dar und man erhält einen Eindruck von der herunter gekommenen grauen Skid Row, in der sich das Geschäft befindet.

Der Blumenladen ist leer, die Blumen welken vor sich hin, weil niemand sie kauft. Indessen beschäftigt sich Mushniks langjähriger Angestellter Seymour, den er als Waisenkind bei sich aufnahm, zum einen mit der stillen Bewunderung für die Verkäuferin Audrey, zum anderen mit der Aufzucht ungewöhnlicher Pflanzen. Das neue Projekt des unscheinbaren schüchternen Burschen in Schnürlsamthosen, Karohemd und Pullunder ist eine ganz seltsame kleine Pflanze, die er unmittelbar nach einer Sonnenfinsternis auf dem Markt einem chinesischen Händler abgekauft hat. Da er die Gattung nicht bestimmen kann, gibt er ihr einfach einen neuen Namen – Audrey II nach seinem Schwarm, liebevoll Zwoey genannt.
Als er sich durch Zufall an den Rosen piekst, findet er heraus, dass die kleine welke Pflanze auf dem Ladentisch auf das Blut reagiert. Weil ihm nichts Besseres mehr einfällt, gibt er Audrey II ein paar Tropfen. Am nächsten Tag hat sich die Pflanze erholt und ist gewachsen. Während Zwoey immer mehr aufblüht, sind immer mehr von Seymours Fingern bandagiert. Irgendwann ist die Pflanze so groß, dass sie nur noch auf dem Boden stehen kann. Das seltsame Gewächs im Schaufenster zieht die Leute magisch an, auf einmal floriert Mushniks Blumenladen und Seymour ist nicht nur in Botanikerkreisen gefragt. Mr Mushnik macht ihn sogar zu seinem Teilhaber. Auch Audrey bewundert ihn und hegt den Wunsch mit ihm in einem hübschen Häuschen im Grünen zu leben – weit weg von der Skid Row. Diesem Glück steht jedoch noch der sadistische Boyfriend Audreys, der Zahnarzt Orin Scrivello im Wege. Zwoey ist unersättlich und verlangt nach Nahrung, sie beginnt zu Seymour zu sprechen. Die sich öffnenden fleischig rosa Lippen offenbaren ein Maul voller spitzer Zähne, das nach Menschenfleisch giert.
Zunächst hat Seymour Hemmungen, doch Zwoey erinnert ihn an Scrivello, der für Audrey blaues Auge und den geschienten Arm verantwortlich ist. Er besucht diesen also in seiner Zahnarztpraxis und hat ein leichtes Spiel, da der Zahnarzt seiner eigenen Lachgassucht zum Opfer fällt. Mit dieser Art von Futter wird die Pflanze so groß und stark wie nie zuvor. Als Mushnik Verdacht schöpft, lockt Seymour ihn unter einem Vorwand in Zwoeys Rachen, die ihn verschlingt. Am Ende versucht die unersättliche Pflanze auch Audrey zu fressen. Seymour zieht sie heraus, aber es ist zu spät und um bei ihm sein zu können, bittet Audrey ihn, ihren Körper der Pflanze zu übergeben. Danach will Seymour das teuflische Gewächs endgültig vernichten. Mit Audrey hat er alles verloren. Erfolg, Ruhm und Geld machen ihn nicht glücklich. Doch die Pflanze vernichtet ihn und ein paar geldgierige Händler bemächtigen sich ihrer Triebe, um sie in die Welt hinaus zu tragen…

Besetzung
Seymour Krelbourn – Ramesh Nair
Audrey – Wenonah Wildblood
Mr. Mushnik – Martin Berger
Dr. Orin Scrivello – Mat Schuh
Audrey II Stimme – Jacqueline Braun
Audrey II Körper – Clemens Sturm
Chiffon – Linda Geider
Chrystal – Maike Katrin Merkel
Ronette – Ariana Schirasi-Fard
Wink Wilkinson – Sebastian Brandmeir
Arthur Denton – Sefan Konrad
Patrick Martin – Christian Petru
Erzähler – Toni Slama

Hervorzuheben sind vor allem Ramesh Nair als botanisch bewanderter Nerd Seymour, hoffentlich noch viel öfter in Hauptrollen zu sehen sein wird, und Mat Schuh als sadistischer Zahnarzt, welcher auf einem Motorrad anrollt. Letzter hat schon im Gloria Theater in dieser schrägen Rolle zu überzeugen gewusst. Sein mit irrem Gelächter gespickter Lachgasanfall bis zum Ersticken unter der fischglasähnlichen Haube ist wohl unnachahmlich. Wenonah Wildblood gibt eine niedliche naive Audrey und Martin Berger ist als weißhaariger alter Kauz Mushnik kaum zu erkennen, seine tiefe Stimme verrät ihn aber sofort. Jacqueline Braun „The Voice“ verleiht Audrey II eine hinreißend diabolische und gut verständliche Stimme, während Clemens Sturm „The Body“ für das körperliche Leben des Grünzeugs sorgt, das sogar die Lippen spitzen kann wie ein Schimpanse – besonderes Teamwork mit einem Ergebnis, das sich wirklich sehen lassen kann!
Für die Musik ist eine siebenköpfige Band zuständig, zu der auch Rens Newland, der Gitarrist von Maya Hakvoorts Tour-Band gehört, der beim Schlussapplaus mit seinem orangefarbenen Zopf sofort ins Auge springt. Leider lässt in diesem Saal die Akustik ein bisschen zu wünschen übrig – es geht fast nichts über die Akustik eines richtigen Musiktheaters.

Alles in allem ist das Stück äußerst empfehlenswert und nach „Singing in the Rain“ und „Die spinnen, die Römer!“ eine weitere liebevolle Inszenierung von Werner Sobotka. Es ist sicher nicht die letzte, die ich gesehen habe!
Ein Minuspunkt geht allerdings an die Veranstalter, die es offensichtlich nicht nötig hatten, eine Mailanfrage über die Vorstellungsdauer zu beantworten und auch telefonisch wenig auskunftsfreudig waren. Wehe, wir würden SO arbeiten…
Wer noch Gelegenheit hat, sollte sie nutzen und das Stück ansehen – es lohnt sich wirklich. Und von Wien aus kann man bequem mit dem Einfach-raus-Ticket hin und zurück fahren, der letzte Retourzug für dieses Ticket geht sich gut aus, wie ich JETZT auch weiß.

Dieser Beitrag wurde unter Berichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


four + = 8

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>