Evita (Premiere 11.08.2012 Baden)

Nach 2006 und 2008 ist Evita nun das dritte Mal im Stadttheater Baden zu sehen. Andrew Lloyd Webbers Erfolgsstück, das vermutlich die meisten durch die Verfilmung mit Madonna in der Titelrolle kennen, erzählt das bewegte Leben der Eva Duarte de Péron, die ihrer ärmlichen Herkunft zum Trotz mit Raffinesse und Glück einen fulminanten Aufstieg bis zur First Lady Argentiniens an der Seite Juan Pérons erlebt. Der Tangosänger Augustin Magaldi ist nur der erste einer Reihe von Männern, die ihr den Weg zu Rang und Macht ebnen. Mit sechsundzwanzig ist sie ganz oben angelangt und wird vom vierten Stand, den „Descamisados“ (die „Hemdlosen“) als Engel der Nation verehrt. Als Regenbogen Argentiniens geht sie auf Reisen durch Europa. Um Ihre Macht zu legalisieren und so auch das Militär zu zwingen, sie zu akzeptieren, kandidiert sie sogar als Vizepräsidentin, doch bis dahin sollte es nicht mehr kommen. Im Alter von nur dreiunddreißig Jahren stirbt sie an Gebärmutterhalskrebs. Nur der Sockel eines Grabmals wird noch gebaut. Im Musical wird ihre Geschichte vom Revoluzzer Ché mit viel Zynismus erzählt und kommentiert. Er zeichnet das Bild einer Frau, die sich und ihre Ziele perfekt in Szene setzen kann, die es versteht die Masse des Volkes zu gewinnen, und die sich in der Aufmerksamkeit aller sonnt, ohne jemals ihren eigenen Vorteil aus den Augen zu verlieren.

Besetzung
Evita Péron – Maya Hakvoort
Ché – Boris Pfeifer
Juan Péron – Franz Csencsits
Augustin Magaldi – Reinwald Kranner
Pérons Geliebte – Jasmina Sakr

Bis auf Jasmina Sakr, die in ihrem melancholischen Lied „Wohin soll ich gehn?“ mit mädchenhaft klarer Stimme berührt, ist die Besetzung dieselbe wie bereits 2006 und 2008.
Maya Hakvoort gibt mit unglaublicher Energie Evita von dem jungen Mädchen, das von der Großstadt träumt, bis zur Ikone am Höhepunkt ihrer Macht und Schönheit. Sie braucht keinen Balkon, keinen erhöhten Platz um im engelsweißen Kleid mit „Ruf nicht nach mir, Argentinien“ den Saal in ihren Bann zu ziehen. Eine meiner liebsten Szenen ist „Jung, schön und geliebt“, in der Maya während Boris Pfeifers Gesangspart im Hintergrund hoch oben auf einer Schaukel schwingt. Unten auf dem Boden angekommen, wird sie eingekleidet, geschminkt und frisiert, damit sie dem Volk wie ein strahlender heller Stern erscheint. Man hat Maya wohl noch nie so oft so leicht bekleidet über Bühne tänzeln sehen wie in diesem Stück – ein Zuckerl für die männliche Zuseherschaft. Stark und emotional ist auch ihr letztendlicher Absturz, von der Krankheit gezeichnet, mit ihrem Schicksal und dem schwächer werdenden Körper hadernd, bis zum Tod in den Armen Franz Csencsits’ alias Peron.
Evitas Gegenspieler im Stück ist Ché, dargestellt von Boris Pfeifer, der im Militäroptik mit seinen langen Haaren und dem Dreitagesbart einen passend verwegenen Eindruck erweckt. Sollte jemals das Herr der Ringe Musical in unseren Breiten aufgeführt werden, hätte ich ihn dann bitte gerne als Aragorn! Manchmal fragt man sich, ob sich die Herren Kunze und Levay bei ihrem Lucheni an Webbers Ché orientierten, oder ob vielleicht bei der Auslegung der Rolle in Baden bei erwähntem italienischen Anarchisten Anleihe genommen wurde. Die ein oder andere Ähnlichkeit ist frappant, etwa beim Spenden sammeln mit goldglänzendem Zylinder. Boris Pfeifer gibt einen Ché, der mir sowohl gesanglich als auch darstellerisch sehr zusagt.
Franz Csencsits steht auch dieses Mal als Oberst Juan Perón, Diktator und Präsident auf der Bühne. Seine Stimme finde ich immer noch recht gewöhnungsbedürftig, die will mir leider nicht recht zusagen. Darstellerisch passt er meiner Meinung nach jedoch optimal in diese Rolle, die hauptsächlich in Evitas Schatten steht. Am Ende spielt er den gebrochenen Mann, der seine sterbende Frau in den Armen hält, sehr glaubhaft und berührend. Man kann ihn letztlich nur bedauern.
Nur einen kurzen Auftritt hat Reinwald Kranner als der Tangosänger Augustin Magaldi. Er bringt Humor in seinen Part, überzeichnet ihn amüsant als absolut schmalziger Schnulzensänger mit Sonnenbrille, wobei der von den Ballettdamen als an den Bühnenrändern stehende kreischende Fangemeinde begleitet wird.
Das große Ensemble des Stadttheaters tritt als Militärs beim Ringen um die Macht, das gemeine Volk, die Reichen beim Fest auf dem Turnierplatz, Evitas Damen, Soldaten und was sonst noch gebraucht wird, auf.

Die Inszenierung selbst ist sehr einfach gehalten. Statt opulenten Bühnenbildern, die in einer solchen Stadttheater-Produktion mit nur einer Hand voll Vorstellungen nicht machbar wären, wird viel mit Farben und Formen gearbeitet, ohne dabei jedoch in die Abstraktion zu verfallen. Meiner Meinung nach ist das ein perfektes Beispiel dafür, dass weniger manchmal mehr ist. Eine der eingängigsten Szenen ist für mich neben der bereits erwähnten Szenerie mit der Schaukel auch das Finale des ersten Akts, in dem das Volk mit schallendem „Wach auf, Argentinien“ aufmarschiert. Alle tragen schwarze Röcke/Hosen sowie weiße Blusen/Hemden und mittendrin ist Evita, mitsingend, die Faust in die Höhe streckend und in den gleichen Farben gekleidet.
Mit den Kostümen hat man sich Mühe gegeben, vor allem Evitas Outfits sind ausgesprochen vielfältig. Einzig der Pelzmantel am Anfang will mir nicht gefallen. Dieser und die in einer Szene qualmenden Soldaten sind aber auch schon meine einzigen Kritikpunkte (zumindest Maya raucht ja keine echte Zigarette).
Ergänzt und abgerundet wird alles noch durch die schöne Atmosphäre des Stadttheaters Baden, das mir schon immer gut gefallen hat. Es geht einfach nichts über klassische Häuser.

Bei der Premiere war sogar einige Prominenz anwesend, unter anderem die Schauspielerin Christiane Hörbiger und der allseits bekannte Baulöwe Richard Lugner (offenbar mit einem neuen Haustier). Caroline Vasicek, die Ehefrau von Boris Pfeifer, die 2008 schon selbst als Pérons Geliebte mitgespielt hat, fehlte auch nicht.
Neben einem Textverdreher Mayas „Wenn es die sind, die herrschen in Buenos Aires, dann freu mich drauf ihre Stadt umzudre… krempeln!“ war die Gute beim Schlussapplaus wohl ein wenig überdreht und wäre beim Verbeugen vor dem Vorhang beim Abgehen beinahe mit demselben kollidiert, was einen äußerst niedlichen Blick ihrerseits zur Folge hatte.
Trotz allem hat mich die Vorstellung am 22.08. noch mehr gefangen, weil es mir diesmal gelungen ist, Plätze in der linken Loge direkt seitlich bei der Bühne zu ergattern. Ein Erlebnis! Man fühlt sich wirklich wie mittendrin, wenn die Darsteller auf dem Weg zum vor dem Orchestergraben befindlichen Steg oder wieder hinunter direkt an einem vorbei marschieren. Fazit: Ich will noch einmal!

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